Dienstag, 2. März 2010 um 9:33 Uhr
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Halbzeitbericht
Wir schreiben den zweiten März 2010. Genau heute vor sechs Monaten bin ich in Deutschland aufgebrochen und einen Tag später 7.500 km weiter südlich aus dem Flugzeug gestiegen, in Lilongwe, der Hauptstadt Malawis. Jetzt ist also Halbzeit. Zeit für ein Resümee.
Die erste Hälfte des Freiwilligendienstes ist wie im Flug vergangen. Wenn wir abends im Wohnzimmer sitzen und unser Vorbereitungsseminar Revue passieren lassen, über unsere Anfangszeit in Malawi schmunzeln oder über die bisherige Arbeit bei BACOMA nachdenken, kommt mir alles noch so nah vor, so real, als wäre es gestern gewesen. Doch es lagen bis zu sechs Monate dazwischen, sechs Monate in denen ich hier zusammen mit meinen beiden Mitbewohnern David und Meryem, den ganzen anderen Freiwilligen und Bekannten viel erlebt habe, viel zusammen unterwegs war, viele tolle Erfahrungen gemacht habe. Wahrscheinlich mehr als in irgendwelchen anderen sechs Monaten zuvor. Ich bin mehr oder weniger in eine andere Kultur eingetaucht, habe zum ersten Mal im Leben eine richtige, geregelte Arbeit erfüllt, bin selbstbewusster geworden,offener, geduldiger.
Nach der Schule nach Malawi zu gehen war für mich genau die richtige Entscheidung, ich bereue bisher keinen einzigen Tag. Blantyre ist ein zu Hause geworden, wir haben zu Dritt unsere eigene kleine Wohnung, kochen zusammen, unternehmen das meiste zusammen, reisen zusammen. Natürlich vermisse ich auch das andere zu Hause, das im fernen Deutschland. Freunde und Familie sind nur über E-Mail und im besten Fall mal über Skype erreichbar. Aber genauso wie die ersten sechs werden die nächsten sechs Monate vergehen und bevor ich Ndapita sagen kann sitze ich schon wieder im Flieger nach Deutschland.
Die Arbeit im Freiwilligendienst
Was die Arbeit betrifft, so kann ich höchstens die letzten zwei Monate als erfolgreich bezeichnen. Der Beginn bei der Baptist Convention of Malawi (BACOMA) war spannend und aufregend, es gab viel Neues, so viele vermeintliche Projekte, die man starten könnte. Doch leider legte sich die anfängliche Euphorie recht bald.
Die Grundschule
Die Schule läuft nicht richtig, weil die Schulgebühren für die Grundschule direkt an BACOMA fließen. Die Schulleitung muss Anträge stellen, um davon etwas abzubekommen. Und natürlich bleibt der größte Teil bei der Convention. So mangelt es an Büchern, die Lehrer sind unterbezahlt, es gibt nicht genügend Tische, die Schule war – bis wir sie mit Geldern von unserer Organisation in Eigenarbeit gestrichen haben – von Innen und Außen potthässlich, es gibt die meiste Zeit nicht einmal Toilettenpapier für die 140Schüler.
Natürlich, im Vergleich zu den staatlichen Schulen ist das noch immer nicht schlecht. Aber die Schüler zahlen hier 60 bis 80€ pro Term,also dreimal im Jahr! Das ist in Malawi ein kleines Vermögen und viele Familiensparen alles zusammen um ihren Kindern den Besuch einer guten Schule zu ermöglichen. Wir haben Schüler zu Hause besucht, wo sich die Familie mit drei anderen Familien ein Plumpsklo im Garten teilen, täglich nichts außer Maisbrei essen und wo die Kinder zu viert in einem Bett schlafen. Alles verdiente Geld wird dazu verwendet, die Schulgebühren für das älteste Kind aufzubringen. Unter diesen Umständen ist es gegenüber den Eltern und ihren Kindern unverantwortlich und unfair, so mit diesem Geld umzugehen. Die Eltern wissen zudem nicht, was mit diesen Schulgebühren passiert. Oft haben sie auch keine Ahnung, dass ihre Kinder ohne Bücher unterrichtet werden.
Leider stellt sich unser Chef, der Generalsekretär der Organisation, in dieser Sache stur. Das ist hier eben so, heißt es dann. Dass das hier nicht zum Standard gehört, zeigt aber die beginnende Revolution der Lehrer. Offen traut sich keiner, dem Generalsekretär irgendwas zu sagen, oder ihm gar zu widersprechen. Sie fürchten um ihren Job und das zu Recht. Aber in den Lehrerversammlungen werden dann Stimmen laut, die fordern, die Eltern über einen Brief in Kenntnis zu setzen. Zudem soll jetzt eine Art Elternbeirat gegründet werden, der weitreichende Einsichten in die Abläufe der Schule erhalten soll. Ob das klappt wird sich zeigen.
Wo sind die Computer?
Ein anderer Punkt der Frustration ist für mich die Tatsache, dass noch immer keine Computer da sind. Laut Projektbeschreibung hätte BACOMA nämlich schon bei meiner Ankunft über Geräte verfügen sollen. Jetzt, nach sechs Monaten, wurde bereits der vierte Liefertermin verschoben. Und zwar nicht vom Lieferanten, einem Zusammenschluss aller NGOs in Malawi, sondern von BACOMA. Einmal war kein Geld da, die anderen Male wurde einfach die Frist für die Anträge verpasst. Mittlerweile wurde immerhin Geld überwiesen, was eine Berücksichtigung bei der nächsten Lieferung garantiert. Nur soll die zwischen März und Mai kommen, das bedeutet vermutlich, dass die Computer erst im achten Monat meines Aufenthalts hier ankommen. Wie mein Unterricht dann bisher aussieht? Nun, wir haben so viel Theorie gemacht, wie mit sieben- und achtjährigen Computeranfängern eben möglich ist. Seitdem malen wir Computer und Tippen auf Tastaturen aus Pappe.
Unterricht in der Academy und Büroarbeit bei BACOMA
In den letzten zwei Monaten hat sich die Arbeit geändert, wenn auch nicht unbedingt verbessert. Ich unterrichte in der Blantyre Baptist Academy, einer weiteren Privatschule, die einer der Mitgliedskirchen gehört. Die Arbeit dort macht Spaß und ist sehr motivierend. Die Schüler lernen fleißig und schnell, Bücher sind vorhanden und die Kollegen sind nett. Computer sind auch da. Aber die Schule ist mit 1.200 US$ die fünftteuerste in Malawi, das haben wir vorher nicht gewusst. Und mittlerweile bin ich mir recht sicher, dass unsere Arbeit dort einen malawischen Arbeitsplatz weg nimmt. Daher werde ich zum Ende des Terms, also eine Woche nach dem Zwischenseminar, dort aufhören. Grundsteine sind gelegt, die ersten Tests geschrieben, die Computer eingerichtet. Jetzt kann dort jemand anderes weitermachen, und hoffentlich kein Freiwilliger.
Aber auch hier bei BACOMA im Büro habe ich mehr zu tun. Die Gestaltung eines Newsletters steht beispielsweise im Moment im Vordergrund. Obwohl er nur mit Word erstellt und daher eigentlich leicht zu bearbeiten ist, kann keiner meiner Kollegen hier diese Arbeit durchführen. Und genau das sehe ich wieder kritisch. BACOMA wird damit von den Freiwilligen abhängig. Wer soll denn nachher die Arbeit weiterführen? Meine Organisation wird den Fehler nicht mehr wiederholen, Freiwillige hierher zu schicken, das ist bereits beschlossene Sache. Und auch der Freiwillige der European Baptist Mission, der wegen persönlicher Differenzen mit unserem Chef nach Zomba gewechselt ist, wird keinen Nachfolger haben. Ob der Generalsekretär das schon weiß ist uns nicht bekannt. Erfreuen wird es ihn jedenfalls nicht.
Am Sinn eines Freiwilligendienstes vorbei
Generell stört mich bei dieser Organisation, dass wir Freiwillige im Prinzip ohne konkreten Aufgabenbereich alle Dinge auf Vordermann bringen sollen, die hier schief laufen. Aber der Sinn unseres Einsatzes ist es nicht, hierher zu kommen, einmal Großputz zu veranstalten und wieder zu gehen. Im Idealfall stoßen wir Projekte an, die dann ohne unsere Hilfe auskommen, die BACOMA nicht abhängig von immer mehr Freiwilligen machen (letztes Jahr war es noch einer, dieses Jahr sind es fünf, nächstes Jahr sollen es – wenn es nach unserem Chef geht – noch mehr werden).
Doch genau bei solchen Dingen werden einem Steine in den Weg gelegt. Dann werden administrative Probleme vorgeschoben oder finanzielle Schwierigkeiten, oft vielleicht auch mit dem Hintergedanken, dass unsere Entsendeorganisation die Kosten übernehmen könnte. Nachhaltig ist diese Ausrichtung nicht und für die Entwicklung BACOMAS unter keinen Umständen förderlich, eher schädlich.
Leben in Blantyre und Malawi
Blantyre ist die eigentliche Hauptstadt Malawis. Hier pulsiert das Leben. Und seit dem wir Lilongwe nach dem Vorbereitungsseminar verlassen haben, auch unseres. Wir haben uns prima eingelebt, viele Kontakte geknüpft und kennen uns hier aus. Das Fahren mit Minibussen findet zwar in den Blogbeiträgen keine Erwähnung mehr, findet aber immer noch fast täglich statt. Die Autos sind genau so schlecht wie eh und je, die Preise mal höher und mal niedriger (je nachdem, wie knapp der Diesel heute ist). Eine Achterbahnfahrt ist es jedes Mal, aber es ist Alltag. Genauso wie das Einkaufen auf dem Markt, bei dem wir uns immer noch bemühen knallhart zu verhandeln und trotzdem abgezockt werden. Oder das „Hi my friend, how are you?“, das einem alle 500 Meter auf der Straße begegnet. Die nett gemeinte Geste geht einem war manchmal auf die Nerven, aber man lächelt meistens trotzdem freundlich zurück und antwortet: „Fine, what about you?“.
Versorgung
Was das Essen angeht, können wir uns hier in Blantyre wohl nicht beklagen. Wir kommen an Reis und Nudeln, es gibt Hackfleisch, das vorher nicht zwei Tage ungekühlt auf dem Markt herum lag, H-Milch in Tüten, alle möglichen Gewürze und selbst Schokolade. Allerdings ist alles teurer als im Supermarkt in Deutschland. Ein Becher Sahne kostet 1,50€ und jeder Dritte ist schlecht. Marmelade ist auch nicht billig, aber äußerst lecker und eine nette Abwechslung zu Tomaten-Toast mit Ei. Es gibt nur Weißbrot, eine Spezialbäckerei mit etwas dunklerem Brot und fünf Körnern oben drauf verlangt Wucherpreise. Auf den Märkten in Blantyre und Limbe gibt es von Ananas bis Zucchini alles, was es auch sonst auf Malawis Märkten zu erwerben gibt. Letztens hatten wir sogar Blumenkohl und bald gibt es Broccoli.
Wenn wir es zeitlich nicht schaffen zu kochen oder mal wieder nichts im Haus haben, sind die vielen lokalen Restaurants auch eine sehr gute Alternative. Für einen bis anderthalb Euro gibt es eine große Portion Reis, leckere Soße, ein Stück Huhn und Okra-Salat. Softdrinks kosten 15 bis 40Cent.
Die Hygienestandards dieser Restaurants sind mit denen in Deutschland natürlich nicht zu vergleichen, dennoch macht uns das Essen mittlerweile nichts mehr aus. Der Magen hat sich umgestellt, wir freuen uns schon auf die Probleme nach der Rückkehr ![]()
Fazit
Die Entscheidung nach Malawi zu gehen war goldrichtig. Die vielen unterschiedlichen Kontakte machen das Leben in Blantyre interessant und unterhaltsam. Auch wenn sich die Arbeitssituation nur mühsam bessert und momentan wieder zum Schlechteren wendet, bin ich zuversichtlich, bald ein tolles Projekt zu finden. Nächste Woche ist Zwischenseminar, da werden wir uns um eine zufriedenstellende Lösung kümmern.
http://johannes-in-malawi.de/2010/03/02/halbzeitbericht/
Informationen
| Orte | Keine Ortsmarkierungen festgelegt |
| Veröffentlicht | Dienstag, 2. März 2010 um 9:33 Uhr |
| Kategorien | Gedanken |
| Stichworte | Academy, Alltag, Arbeit, Arbeitsplatz, BACOMA, Blantyre, Computer, Einkaufen, Freiwilligendienst, Halbzeit, Minibus, Newsletter, Projekt, Verpflegung |















catherine vor 2 Jahren
Hallo Johannes!
Danke für deinen Bericht! Er ist total interessant! Ich wünsche dir noch viel Kraft und viel Spaß für die restlichen 6 Monate!
Liebe Grüße von C. Pique-Binder
bjs vor 2 Jahren
gut, weitermachen!
Carolin vor 2 Jahren
Danke fuer diesen ehrlichen Zwischenbericht! Weiter so :)