Montag, 1. Februar 2010 um 19:37 Uhr

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Blantyre - die eigentliche Hauptstadt

Ich sitze gerade in der Sonne auf einer Bank vor dem Schulgebäude der Grundschule und warte auf meinen Transport zur Academy. Meine erste Unterrichtsstunde hat zwar bereits vor zehn Minuten angefangen, aber bisher ist noch niemand aufgetaucht, um mich abzuholen. Das gibt mir etwas Zeit, ein paar Zeilen über Blantyre zu schreiben, größte Stadt Malawis und Mittelpunkt unseres täglichen Lebens.

Obwohl Lilongwe die Hauptstadt unseres Gastlandes ist, leben und arbeiten weitaus mehr Menschen im südlicher gelegenen Blantyre. Das hat geschichtliche Gründe, denn Blantyre war, nach Zomba und vor Lilongwe einstige Hauptstadt und Regierungssitz unter Dr. Kamuzu Banda, dem ersten Präsidenten der Republik. Einige Ministerien, manche Botschaften, viele NGOs und die Universität von Malawi findet man daher immer noch hier. Im Gegensatz zu Lilongwe, das auf dem Reisbrett geplant und in viele namenlose Stadtgebiete unterteilt ist, ist Blantyre eine gewachsene Stadt, sogar verwachsen. Nämlich mit der Nachbarstadt Limbe. Die beiden Stadtzentren bilden mit dem sie verbindenden „Highway“ einen Knochen, in dessen Mitte Chichiri liegt. Dort ist das größere der beiden malawischen Einkaufszentren mit Filialen der südafrikanischen Ketten Shoprite und Game, einigen Restaurants, Banken, kleineren Läden und einem Internetcafé gelegen. Gegenüber, auf der anderen Seite des Highway, steht das Kamuzu Stadium, in dem jedes Wochenende Fußballspiele ausgetragen werden, auch die Länderspiele mit den Flames, der malawischen Nationalmannschaft. Der deutsche Fußballtrainer Burkhard Ziese wurde hier 2006 nach einem weiteren verlorenen Spiel aus dem Stadion geprügelt.

Direkt neben dem Stadion ist das Gelände von BACOMA gelegen, mit drei Gästehäusern, von denen wir eines bewohnen. Die Straße einen knappen Kilometer weiter runter kommt man an der Carlsberg-Brauerei und einigen weiteren großen Fabriken vorbei.

In Limbe werden die meisten Produkte aus Malawi für Malawi hergestellt. Große panafrikanische Konzerne wie Unilever haben hier ihre Fabriken.

In beiden Stadtzentren gibt es zudem einen großen Markt, auf dem Obst, Gemüse, gebrauchte Bücher und Elektroartikel, Kleidung und Mittagessen in Form von Pommes, frittierten Insekten oder gekochten Mäusen gekauft werden kann. Beide Märkte bieten allerdings Dinge, die es auf dem jeweils anderen Markt nicht zu erwerben gibt. Auch die kleineren, meist von indischer Hand geführten Geschäfte unterscheiden sich deutlich zwischen Blantyre und Limbe, was die Angebotsausrichtung angeht.

Beide „Städte“ bieten Wohngegend unterschiedlicher Qualität, wobei Limbe eher als Wohnort der Reichen und Weißen gilt, während in Blantyre nur einzelnen Stadtteilen dieser Ruf zuteilwird.

Aber besonders durch diese gegenseitigen Ergänzungen, durch das Verschmelzen beider Städte zu einer Stadt mit zwei Zentren, spricht man eigentlich immer von Blantyre, wenn man eigentlich beides oder auch nur einen von beiden Teilen, auch Limbe, meint. Selbst auf Stadtplänen ist wegen der geographischen Nähe und der Schwierigkeit die jeweiligen Grenzen zu ziehen oftmals nur eine Stadt mit dem Namen Blantyre-Limbe eingezeichnet.

Soziologisch gesehen ist Blantyre auch überaus interessant. In Blantyre ist ganz Malawi vertreten. Die verschiedensten Menschen unterschiedlichster Nationalitäten sind hier anzutreffen. Jeder der Malawi besucht oder hier dauerhaft lebt, hält sich auch mal in Blantyre auf. So kommt es, dass man amerikanische oder japanische Freiwillige aus dem Norden, finnische Freiwillige aus dem Süden, koreanische Abenteuerurlauber vom See, französische Touristen, deutsche Entwicklungshelfer, irische Mitarbeiter einer sambischen NGO auf der Durchreise nach Mosambik oder kanadische Studenten beim Feierabendbier in der Bar, im Supermarkt, im Minibus, auf irgendeiner Veranstaltung, beim Mittagessen oder im Chichewa-Unterricht kennenlernt. Und die meisten hat man vorher schon mal irgendwann getroffen oder wird sie in den nächsten zwei, drei Wochen noch ein paar Mal sehen.

Doch trotz allem, so nett diese Kontakte auch sind, stimmt es einen doch nachdenklich. Denn alle diese Menschen, plus die malawische Oberschicht, bilden fast schon einen eigenen Kreis. Auch wenn sich die wenigsten absichtlich vom Rest der malawischen Bevölkerung abgrenzen, alleine durch den Besuch einer Backpacker-Bar oder einer Disko tun sie (und da kann ich uns nicht ausnehmen) es doch. Denn umgerechnet 2,50€ Eintritt können sich längst nicht alle Malawier leisten. Und obwohl wir als Freiwillige hier nichts außer einem Taschengeld in Höhe von 100€ im Monat zuzüglich Verpflegung erhalten, gehören wir damit zu den obersten zehn Prozent der Einkommensschicht. Und auch in noch betuchteren Kreisen fallen wir überhaupt nicht auf, unsere Hautfarbe signalisiert in den Augen vieler bereits den Besitz von verhältnismäßig viel Geld.

So kommt es dann auch, dass sich der nette, gut angezogene Malawier, mit dem man sich gerade unterhalten hat, als Chief Executive Officer der größten Bank Malawis, oder der 20-jährige Jugendliche, mit dem wir grade ein Bier getrunken haben, als Sohn eines der größten Industriellen des Landes entpuppt, der morgen nach Moskau und nächste Woche nach London fliegt, um sein Studium weiterzuführen.

© Johannes Schäfer - http://johannes-in-malawi.de

http://johannes-in-malawi.de/2010/02/01/blantyre-die-eigentliche-hauptstadt/

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Orte Blantyre
Veröffentlicht Montag, 1. Februar 2010 um 19:37 Uhr
Kategorien Alltags-Serie, Gedanken
Stichworte Alltag, Bar, Blantyre, Hauptstadt, Internationalität, Kontakte, Limbe, Markt
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Zwei Kommentare zu diesem Bericht:

  1. Matthieu
    Matthieu vor 2 Jahren

    Na Johannes du ostafrikanische Reisnudel ;)
    Klingt alles ganz gut, und einen applaus für deinen blog ;) Wollte mich für eine nette SMS bedanken und von mir hören lassen - mir gehts gut soweit ;) Ich hoff du hast die letzten 7 tage weiterhin so viel zu tun gehabt und auch in den nächsten wochen was zu tun hast!;) aber du findest schon was! :)
    Liebe Grüße!
    Matthieu

  2. KT
    KT vor 2 Jahren

    Hallo Johannes, ja, uns gibt´s auch noch! Hoffentlich war deine 1. Unterrichtsstunde erfolgreich, wenn sie denn überhaupt stattgefunden hat : D! Du hast eine Schlange getötet? War sie sehr gefährlich? Aus dir wird nochmal der Nachfolger von Crocodile Dundee! Liebe Grüße aus Marl, AKVTA


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